Art Radical – ab wann ist Fotografie radikal?

Art Radical – ab wann ist Fotografie radikal?

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Was bedeutet Radikal?

Radix ist ein lateinisches Wort und bedeutet Wurzel. 

Radikal bedeutet von der Wurzel bzw. vom Ursprung her.

Radikal hat mit Extrem nichts zu tun. Von der Wurzel her und bis zum äußersten Gehen sind sehr verschieden.

Das Wort Radikal ist in Deutschland zudem immer noch ein politisch besetzter Begriff obwohl sich dies inhaltlich alles relativiert je mehr sich dieses Wort internationalisiert wie das Buch Rules for Radicals beispielhaft zeigt.

Meistens wurde das Wort Radikal in Deutschland früher auf sog. Linke angewendet, die sich zum Denken von Karl Marx bekannten.

Karl Marx schrieb in der Einleitung Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie folgendes:

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! “

Hier fordert Karl Marx, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen er erniedrigt, geknechtet und verächtlich ist.

Humanismus als kategorischer Imperativ?

Das hat nicht nur Karl Marx gefordert aber nachdem seine Gedanken die Bücher verlassen hatten und Instrumente der Politik wurden, entstand in seinem Namen ebenso viel Unheil wie im Namen von Adam Smith, der den Egoismus des Einzelnen zum Wohle aller auf dem Markt als Wunder des Kapitalismus darstellte.

So entstand neben dem Sozialismus der (Neo-)Liberalismus (auch Kapitalismus genannt). Beide Ideologien haben den Humanismus abgeschafft indem sie soziale Sicherheit und bürgerliche Freiheitsrechte je nach Interessenlage abschafften, obwohl der Erfolg gerade in der Einführung und Umsetzung von sozialer Sicherheit als Voraussetzung für die gleichberechtigte Nutzung der bürgerlichen Freiheitsrechte auf Augenhöhe von arm und reich liegt, wenn man Demokratie ernst meint.

Man könnte auch fragen, wer heute noch für soziale Verbesserungen eintritt?

Denn die Rückkehr der Armut durch die Abschaffung der sozialen Sicherheit ausgerechnet durch Sozialdemokraten zeigt, daß die alten Zuordnungen und Wörter nicht mehr stimmen.

Daher haben wir noch manches zu beantworten in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und den vorgefundenen Machtverhältnissen.

Kunst als(?) radikale Fotografie kann eine Reaktion darauf sein.

Radikale Fotografie?

Hier ist jetzt zu fragen, welche Aufgabe die Fotografie hat.

Fotografie zeigt Oberflächen, sie zeigt das Sichtbare an sozialen und politischen Verhältnissen. Das ist dann auch der Arbeitsbereich für radikale Fotografie.

Wenn Fotografie die Verhältnisse dokumentiert, dann dokumentiert sie Verhältnisse, die auch radikal sind und/oder radikale Reaktionen hervorrufen.

Fotografie ist dabei nur ein Mittel, um Wirklichkeit festzuhalten und ersetzt kein Handeln. Armutsfotografie und sozialdokumentarische Fotografie sind auch nicht automatisch radikale Fotografie. Da muß man genauer hinschauen.

Aber wenn Fotografie dazu führt, die Wirklichkeit überhaupt wahrzunehmen, dann setzt damit auch ein Prozess des Aneignens, Ausspuckens und des Veränderns ein.

Radical Art – radikale Kunst?

Julian Stallabrass hat in seinem Artikel Un art radical?/ Radical Art? zum Thema Radicality  sehr viele Hinweise gegeben wie in digitalen Zeiten mit digitalen Mitteln die neue digitale soziale Wirklichkeit sich künstlerisch entwickelt hat. Dazu hat er sich einfach angeschaut, was künstlerisch geschehen ist.

Der Aufstieg der social media schuf die Möglichkeit sich unabhängig von Museen und dem bisherigen Kunstbetrieb u.a. mit Fotografie und Video Gehör und Publikum zu verschaffen und der fast monopolartigen Meinungsverbreitung neoliberaler Auffassungen in der Medienkarawane eine Alternative entgegenzusetzen, die auch Gehör findet.

Diese radikale Kunst findet sich weniger im Museum in seiner bisherigen Form sondern mehr im Datenfluss sozialer Netzwerke und sie ist auch Teil vorübergehender Momente, die zum Dialog und der Auseinandersetzung einladen. Es geht darum, Kunst sichtbar und gebrauchbar zu machen – ob für das Weiterdenken oder das Wahrnehmen. Es geht um soziale Reflexion und soziales Handeln.

Da mein deutsches Denken nicht angelsächsisch geprägt ist und Julian Stallabrass dies alles sehr tief untersucht hat, möchte ich hier für die, die mehr wissen wollen, ein englisches Zitat aus dem verlinkten Aufsatz bringen, den man ja übersetzen lassen kann:

„These works may befound less in objects conserved against change and protected from public reaction, than in the flow of data and temporary objects across public space which encourage dialogue, borrowing and improvement. So radicals may choose to make, share, talk, teach and respond to work collectively, and put their work to use. Out of collective action, dialogue and the exercise of direct democracy, we may see emerge — on a local and global scale — an unprecedented art which does not broad cast but converses.“

Radikal ist Real

Was bedeutet das für mich?

Digitale Fotografie kann ein Teil einer radikalen Kunst sein.

Radikale Fotografie als reale Spiegelung vorgefundener sichtbarer Verhältnisse?

Radikales Sehen ist dabei klares Sehen, ungestellte Wahrnehmung.

Kunst läßt sich nicht eindeutig festlegen sondern nur wahrnehmen. Kunst ist ebenso Oberfläche wie die sichtbare Wirklichkeit.

Die Kraft kommt von den Wurzeln?

Nicht umsonst ist vielleicht der Baum mit seinen Wurzeln das Sinnbild für Radikalität.

Die Kraft kommt von den Wurzeln und radikal denken bedeutet von den Wurzeln her denken.

Wenn nun die Bäume abgeholzt werden aus gewinnorientierten Interessen heraus, dann ist dies eine radikale Aktion, die radikale Auswirkungen auf Luft, Umwelt und Menschen haben kann.

Dies zu dokumentieren bedeutet eine radikale Aktion zu dokumentieren.

Das in sozialen Netzwerken zu zeigen und darüber zu diskutieren und darauf zu reagieren ist dann das, was radical art zu einem Teil sozialer Interaktion werden läßt.

Kunst als Leben

Kunst kann also Teil des Lebens sein. Digitales Leben kann Kunst sein.

In diesem Sinne ist radikales Denken und radikale Kunst sehr menschenfreundlich, lebensbejahend und sehr ideologiefeindlich. Diese Kunst lebt Werte wie Toleranz und Freiheit und muß aufpassen, nicht im Altruismus als Reaktion zu enden, weil damit das Ende der Wirklichkeit erreicht wäre.

Mehr zum Thema Radikale Fotografie findet sich bei art.radikal.de.

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