Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das ungestellte Portrait

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August Sander

„Bei einer gewissen Distanz hört das Individuum auf.“

Dieser Gedanke von Alfred Döblin stammt aus dem Buch „Antlitz der Zeit“ mit Fotos von August Sander.

asantlitz

Alfred Döblin sieht bei Sander diese Distanz, die aus den Menschen „Typen“ werden läßt und somit eine Art Kulturgeschichte der Typen der Zeit ermöglicht.

„Die Nahrung formt den Menschen, die Luft und das Licht, in dem er sich bewegt, die Arbeit, die er verrichtet oder nicht verrichtet, dann die spezielle Ideologie seiner Klasse.“

Ein weiterer guter Gedanke von Döblin.

Er weist den Weg vom Einzelmenschen zum Typ/us.

Sander hat es also verstanden, mit seinen Fotos so weit weg zu sein, daß aus seinen Portraitierten Typen wurden.

Das setzt sich heute fort, wenn Menschen sich schminken, um so auszusehen wie …

Sie wollen auch einem Typ entsprechen.

Insofern ist Sander sehr aktuell.

Das ist die eine Seite der Portraitfotografie.

Es gibt aber noch eine andere.

 

Henri Cartier-Bresson

Kann man mit einem Portrait die Seele eines Menschen darstellen?

Der Klang der Seele oder auf Englisch An Inner Silence.

Das ist der Titel eines Buches von Henri Cartier-Bresson.

Dort finden wir Portraits.

cbklang

Bei ihm sind alle Portraits ohne Studio aufgenommen, im Umfeld des Menschen. Der Moment, der den Menschen so zeigt, wie er ungestellt und entspannt ist, das ist sein Moment.

Unposed – ungestellt.

Es sind immer Alltagssituationen und alle Portraitierten treten ungeschminkt vor die Kamera.

Ein Leser hat dies einmal so ausgedrückt: „Immer war sich Cartier-Bresson bewusst, dass er als Fotograf in den Privatbereich seines Gegenübers einbricht, dass er eine Grenze überschreitet.“

  • Er ist also näher dran als August Sander
  • Die Portraitierten zeigen sich so wie sie sind
  • Er fotografiert und zeigt sie in ihrem persönlichen Umfeld

Das sind drei entscheidende Unterschiede.

Aber auch hier spielt das Thema Nähe und Distanz bzw. Distanz und Nähe die entscheidende Rolle.

Henri Cartier-Bresson fotografiert den einzelnen Menschen so, daß man durch das Umfeld die Person erkennt.

Er zeigt keine Typen sondern jeweils eine einzelne Persönlichkeit.

Allerdings gibt es in dem Buch zwei Portraits, die anders sind.

Sie haben die Titel Paris und Zürich und zeigen anonyme Menschen.

Da stehen bzw. sitzen die Portraitierten etwas weiter weg.

Sie sind Typen.

Sie belegen so die Richtigkeit der Gedanken von Alfred Döblin.

 

Vom ungestellten Typus zum ungestellten Portrait

Zwei Ansätze führen zu zwei Sätzen beim fotografischen Portrait.

 

1. Satz: Bei einer gewissen Distanz hört das Individuum auf.

2. Satz: Ab einer gewissen Nähe fängt das Individuum an.

 

In beiden Fällen gehört dazu das Umfeld, weil es das erzählt, was sonst fehlt oder weil es fehlt und daher nicht erzählen kann was fehlt.

Portrait ist also nicht Portrait.

 

Authentizität gegen Makellosigkeit?

Heute wird Porträtfotografie aber anders verstanden. Daher schreibe ich sie schon mit ä und nicht mehr mit ai.

Es geht darum, im Studio möglichst perfekt auszusehen, seinem „Typ“ entsprechend.

Aber wer so fotografiert wird, dessen Fotos bleiben eher nicht in Erinnerung, weil sie eben keine Persönlichkeit wiedergeben.

Das ist Pech für die Promis.

Wenn ich auf mich selbst blicke, dann kann ich feststellen, daß ich als Dokumentarfotograf die Namenlosen seit Jahren portraitiere.

Eine Auswahl sieht man hier:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Einige werden sicherlich namenlos zeitlos berühmt. Das ist eine Frage der Zeit.

So lebe ich eine faszinierende Paradoxie.

Der Fotograf der kleinen Leute steht in der Tradition des großen Henri Cartier-Bresson und die Fotografen der großen Leute „photoshoppen“ Promis zu perfekten Puppen.

Das ungestellte Portrait einerseits und das perfekte Porträt andererseits?

 

Die Gretchenfrage

Und nun komme ich zu der Gretchenfrage:

Ist ungestellt und authentisch nicht das eigentlich perfekte Portrait?

Ich verstehe darunter nicht makellos sondern echt authentisch.

Nun denn!

Wenn Fotos im Kopf entstehen, dann dürfte dieser Artikel dazu beitragen, das Bewußtsein für das fotografische Portraitieren erheblich zu erweitern.

Daneben gibt es natürlich noch unendlich viele andere fotografische Spielarten. Zu zeigen wie erotisch man aussieht oder sich in schicken Klamotten darzustellen, um nur diese Beispiele zu nennen.

Das ist ok aber für mich ist dies keine Portraitfotografie sondern Darstellerfotografie oder Rollenfotografie.

Und dies alles setzt sich fort bis in das Familienfoto, bei dem dies alles für eine ganze Gruppe gilt.

Text 1.2

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