Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Der Amateurstatus als Chance fürs Leben und die Fotografie als Methode der Reflexion

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Jeder kann sich Fotograf nennen. Damit spiegelt sich in der Wortwahl eine technisch und sozial vorhandene Wirklichkeit wieder. Jeder kann sich Zuschauer nennen, jeder kann sich Konsument nennen, jeder kann sich Wanderer nennen, jeder kann sich Fahrradfahrer nennen, jeder kann sich Hausfrau/Hausmann nennen usw.

Es ist eine Bezeichnung ohne gesetzliche Voraussetzungen.

Und die Bezeichnung Fotograf als Handwerksberuf setzte handwerkliche Kenntnisse voraus. Die braucht es nicht mehr seit der digitalen Revolution. Fotograf als Profifotograf heute meint maximal noch mit dem Fotografieren und dem Benutzen digitaler Technik irgendwie Geld verdienen zu können.

Aber es sind heute andere Kenntnisse und es ist kein Ausbildungsberuf dazu mehr nötig so wie es früher einmal war.

Es gibt zwar noch einen Ausbildungsberuf Fotograf aber dieser ist so zukunftsfähig wie der Radio- und Fernsehtechniker. Nicht weil der Beruf schlecht ist sondern weil die technisch-zivilisatorischen Bedingungen sich fast vollständig geändert haben. Er wird sozial so gut wie nicht mehr nachgefragt.

 

Jenseits der Illusionen

Und was ist heute ein Profi?

„Genauso wie der Pulitzer-Preisträger Rob Kuznia seinen Job als Journalist an den Nagel gehängt hat, weil er davon seine Miete nicht mehr zahlen könne, und in die PR gewechselt ist, so verkündet auch der spanische Fotograf und Preisträger des mit 10.000 Euro dotierten Fotopreises der Michael Horbach Stiftung, Pep Bonet, dass er seine Karriere beendet habe.“

So schreibt es Damian Zimmermann in der taz.

Kuznia und Bonet meinen natürlich Dokumentarfotografie und Reportagen.

Das geht nun schon eine ganze Weile so.

Wer heute von der Fotografie leben will, der muß sich auf warenorientierte Fotografie einstellen. Der menschlichste Teil sind dann noch Passfotos als Serviceleistung oder Hochzeitsfotografie. Vielleicht noch Paparazzi und Sport. Danach wird es warenorientiert und industriell.

Jenseits der Illusionen fängt dann aber die Freiheit und die Verschmelzung von Fotografie und eigenem Leben an.

 

Der Amateur

Und damit kehre ich zurück zu den Gedanken von Dieter Hacker, die mich seit vielen Jahren begleiten und die ich hier noch einmal wiedergeben möchte.

Schon 1974 schrieb er: „Befreit davon, Waren produzieren zu müssen wie der Profi, hat der Amateur die Chance, durch seine Arbeit zu wichtigen Einsichten zu kommen und sie, unberührt von den Interessen professioneller Multiplikatoren vermitteln zu können. Was dem Berufskünstler kaum gelingt, nämlich die Realisation seiner Intentionen; was ihm deshalb nicht gelingt, weil sich aus dem wahren Charakter des Kunstwerkes Zwänge ergeben, denen er sich schwer entziehen kann, ist für den Amateur kein Problem, denn er muß von seiner Amateurarbeit nicht leben. … Amateurarbeit, die sich von ihrer Fixierung an die Arbeit der Profis befreit, könnte eine Ahnung davon vermitteln, was nicht entfremdete Arbeit ist und so eine wichtige Utopiefunktion erfüllen. Nicht vergessen: die Revolution ist die Arbeit von Amateuren.“

So kann der Status des Amateurs dazu führen, mit Hilfe der Fotografie sich selbst und die Gesellschaft und ihre Mechanismen besser zu entdecken. Aber diese Liebe zur eigenen Existenz und dem eigenen Tun hat gesellschaftlich (sozial) natürlich Konsequenzen:

„Der Amateur liebt seine Arbeit. Dieses Verhältnis zu seiner Arbeit hat für ihn viele Konsequenzen. Denn unsere Gesellschaft honoriert nicht, was wir lieben, sondern was wir für ihren Fortbestand leisten. Die Arbeit des Amateurs gilt wenig. Da er seine Arbeit macht, um ein persönliches Bedürfnis zu befriedigen, bleibt er in der Regel auch der wichtigste Nutznießer seiner Arbeit… Der Amateur ist für die Industriegesellschaft nur interessant, sofern man mit ihm Geschäfte machen kann.“

Der Amateur kann eher ein eigenes Leben erleben, wenn er/sie es richtig macht. Es ist eine Revolution im eigenen Leben, wenn man die eigene Situation so sehen kann.

Es ist die Umwertung vieler Werte im eigenen Leben. Im sozialen Leben erleben wir gerade wie die Digitalisierung die sozialen Strukturen so zerstört wie nie zuvor seit der Industrialisierung.

Aber die menschlichen Eigenschaften, die sozial geformt werden und sozial bedingt sind, bleiben gleich.

 

Demokratie und Grundrechte

So sind z.B. alle sozialen Daten, die über uns gesammelt werden, nur solange unwichtig wie wir in einer Demokratie leben, in der wir uns wehren können und in der es eine Öffentlichkeit gibt, also Medien, die über Vorfälle seriös berichten. Sollte sich das mal ändern, kann alles, was früher einmal unwichtig war, plötzlich anders gesehen werden und ins Gefängnis oder zur Folter führen. Das glauben sie nicht? Erleben Sie doch einfach mal, wie die Verarmungsregel bei Hartz 4 im Jobcenter umgesetzt wird. Dort machen die Mitarbeiter alles mit Ihnen, was das Gesetz erlaubt. Sollte ein Gesetz erlauben, Sie zu schlagen oder psychisch noch mehr zu quälen, würden die meisten das meiner Ansicht nach auch tun. Heute sind unsere Daten in der cloud, also bei privaten Anbietern, von diesen jederzeit manipulierbar, wie uns Edward Snowden bestätigt hat. Aber wir sind sorglos, weil wir darauf vertrauen, daß wir im Ernstfall darauf zugreifen können. Da wünsche ich dann nur, daß aus Spaß nicht nur Ernst wurde, sondern dieser dann auch erreichbar ist.

 

Sehen und Verstehen

Daher ist der Amateur in der Fotografie im hier dargestellten Sinne ein Mensch, der über sich selbst hinaus denkt und sich selbst in seinem sozialen Umfeld sieht.

Meiner Ansicht nach ist er/sie gerade nicht der Selfiestangenträger sondern seine Selfies fangen mit der Wahrnehmung des sozialen Lebens um sich herum an, die sie/er produktiv verarbeitet durch Bild und Ab-bild. Dabei geht es um die Herstellung eines Gleichgewichts. Das ist der Weg.

Dieser Weg erinnert mich an den buddhistischen Weg. Dieser ändert nicht die Gesellschaft, um sich zu ändern, sondern ändert sich in der Einstellung zur Gesellschaft, um die Gesellschaft zu ändern. Da fließt dann was hin und her. Wahrnehmen als wahr nehmen.

 

Wer fotografiert hat mehr vom Leben

Die Kamera ist das Reflexionsmittel und die Fotos sind die Spiegelbilder fürs Gehirn und die eigene Wahrnehmung und Weiterentwicklung.

Das kann auch ein Smartphone sein – oder werden.

Aber ich mag lieber eine eigene Kamera.

Und wenn man sich davon verabschiedet hat, mit der Kamera seinen Lebensunterhalt verdienen zu wollen, dann ist man jenseits der Illusionen angekommen. Wer sich dann mit der sozialen Wirklichkeit auseinandersetzt durch Fotografieren, der kann ganz viele Antworten finden für das eigene Leben.

Ich möchte daher abschließend den Schriftsteller und Philosoph George Bernhard Shaw etwas sagen lassen: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute: seht euch an wohin uns die Normalen gebracht haben.“

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