Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Der fotografische Riesenhaufen und die spirituelle Photographie

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Der fotografische Riesenhaufen

„Damit, daß man Stück für Stück, gleichsam zentimeterweise die Welt durchphotographiert, muß man nicht unbedingt zu einer einzigen wesentlichen Aussage kommen. Es kann sich auf diese Weise auch nur ein Riesenhaufen von Bildern ergeben…“

Es war zu Beginn der 60er Jahre im 20. Jahrhundert als Karl Pawek diese Worte niederschrieb. Da wußte man noch nichts von den Möglichkeiten der digitalen Fotografie.

„Wenn technisch perfektes Photographieren in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig.“

Dieser Gedanke stammt aus der gleichen Zeit. Er ist von Heinrich Böll.

Und Böll hat unsere Zeit vorweggenommen. Er ahnte wie Menschen sich verhalten: was technisch möglich ist wird auch genutzt und wenn es verboten ist, dann heimlich. Heute hat jeder ein Smartphone und heute kann jeder fotografieren.

Die Folgen dieser technischen Möglichkeit ist Orwells großer Bruder und ein Riesenhaufen von Fotos.

Das ist der Zustand.

Ist das alles?

Ich hoffe nicht.

 

Die humane Kamera

„Wer am Schlüsseloch lauert, entdeckt natürlich den Menschen in seiner Gebrechlichkeit. … Es ist nicht sensationell, wenn ein professioneller Tunichgut die .. jeweilige Scham verletzt. Sensationell ist der kleine Chinesenjunge, der sich mit ungeheurem Ernst über die Blechbüchse beugt, aus der er seinen Reis ißt. Die Exotik des Menschlichen liegt nicht im nationalen oder rassistischen Unterschied, sie liegt im sozialen Unterschied. Die humane Kamera wird entdecken, daß die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat.“

Diese Worte sind von Heinrich Böll, der dem Fotografieren ein Gesicht gibt, das anders aussieht als der Riesenhaufen an Fotos, der überall gemacht wird. Solche Texte sind nicht durch Fotos ersetzbar.

 

Das esoterische Photo

„Es ist eines der gröbsten Mißverständnisse, daß die Photographie eine moderne biblia pauperum wäre, eine Art Nürnberger Trichter, der den Armen im Geiste durch die Augen das einflößt, was sie mittels ihres Denkapparates nicht zu fassen vermögen. Die Photographie kann niemand zwingen, das zu sehen, was über das Dreidimensionale des Gegenstandes hinausgeht. Jenseits dieser Grenze sieht der Mensch nur, was er weiß. Die erweiterte Optik der spirituellen Photographie kommt daher nur in dem Ausmaß und in der Weise zur Wirkung, als der Beschauer über bestimmte Erfahrungen verfügt…. Photos können uns den ungeheuren Inhalt vorführen, den das Leben hat, all das aber nur, wenn wir in dem Lebenszusammenhang, aus dem diese Bilder aufsteigen, selbst schon gestanden haben…. Ich kann die Innerlichkeit eines photographischen Antlitzes nur sehen, wenn ich aufgrund meiner eigenen inneren Erfahrungen eine Vorstellung von Innerlichkeit besitze. Daher ist auch das Photo esoterisch, es verfügt über ein geheimes Wissen, das mir nur dann zugänglich ist, wenn es mein eigenes Wissen ist.“

Das war nun wieder Karl Pawek.

Was machen wir nun? Nehmen wir diese Gedanken zur Kenntnis, nehmen wir sie auf und arbeiten damit?

Zumindest wurde damit gearbeitet und ich finde, alles, was hier gesagt und geschrieben wurde, hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Bedenkt man, daß dies alles in den 60er Jahren geschrieben wurde, dann würde ich sogar fragen, ob wir heute weiter sind oder uns eher verlaufen haben?

Wir haben jedes Jahr jede Menge world photography awards, also Weltausstellungen online. Alles ist Welt, manche weltweit in allen Massenmedien, manche weltweit erreichbar aber nur regional wirksam.

Eine Ausstellung, die wirklich viel zusammenträgt, wäre heute ein riesiger Haufen an Arbeit ohne Ende, weil keine klaren Grenzen gesetzt werden.

Diese Grenzen haben Heinrich Böll und Karl Pawek gezogen.

Und es sind die Grenzen für die Weltausstellung der Photographie gewesen.

Das ist jetzt mehr als 50 Jahre her.

Die Ausstellung erschien 1964 aus Anlaß von 125 Jahren Photographie.

Im Jahr 2014 waren wir schon bei 175 Jahren Fotografie.

Jetzt sind wir schon wieder ein Stück weiter.

Aber sind wir besser geworden oder sind nur die Haufen größer geworden?

Dazu gibt es viel zu schreiben, wenn man einen solchen Haufen schreiben will.

Muß man aber nicht.

Denn mir ging es in diesem Artikel darum, deutlich zu machen, was die Technik der Fotografie von einem guten Foto mit der Umsetzung eigener Ansprüche und inhaltlich gutem Bezug unterscheidet.

Weil dies in jeder Generation immer wieder neu zu sehen ist, sind auch neue Fotos sinnvoll, die dies zeigen.

Und ich freue mich besonders, daß ich mich hier noch einmal an die Seite von Heinrich Böll begeben durfte, so wie ich es einmal in Bad Münstereifel konnte als ich ihn dort mit Lew Kopelew traf. Es ist lange her und es berührt wohl nur noch meine Erinnerungen.

 

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