Foto: Michael Mahlke

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Erinnerungskultur in digitalen Zeiten und die Rolle der Fotografie

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Fragen

Wenn ein Haus leergeräumt wird, finden sich oft an den Wänden und in den Schubladen alte Fotos, die keiner mehr will. Diese Fotos hatten für die Besitzer aber einen persönlichen Erinnerungswert.

Wenn heute ein Unternehmen seine Geschichte aufarbeiten will, dann wird ein Historikerbüro beauftragt, das die vorgefundenen Materialien sichtet und daraus ein Buch, eine Webseite oder sonst etwas macht.

Wenn früher ein Foto ausreichte, um die gesamte Kindheit darzustellen und heute allein von dem Baby mehr digitale Fotos auf Handys existieren als je zuvor, was macht man dann damit in zehn Jahren?

Wenn Unternehmen heute zwar Videoüberwachung haben aber Produktion und Verlagerung just in time nur noch die Funktion betonen, welche Rolle spielt dabei dann die Erinnerung?

Diese vier W-Absätze mögen der Einstimmung dienen, um mich dem Thema zu nähern.

Rückblick

Wer zurückblickt auf die letzten 20 Jahre und die Entwicklung der digitalen Medien, der kann feststellen, daß alle digitalen Lösungen von Unternehmen gekommen sind und wieder verschwunden sind.

Das Speicherformat mit Texten im ASCII-Format und Fotos im jpg Format sind die einzigen beiden Konstanten.

Die überdauern bisher alles.

Aber nur wenn sie separat gesichert werden.

Drei Ebenen in der Erinnerungskultur

Im Prinzip gibt es drei verschiedene Ebenen, die ich benennen möchte.

1. Ebene

Die erste Ebene ist die Entwicklung des Datenschutzes. Am Anfang war digital (Internet) einfach nur die Chance, mehr zu machen und einfach auch zu kopieren wie nie zuvor. Damals gab es Datenschutzgesetze wie heute noch gar nicht und damals war auch die Frage ungeklärt, wie es eigentlich ist, wenn es so viele verschiedene Gesetze wie Länder gibt und alle online sind – was gilt?

Vom Computer wurden Texte und Fotos „hochgeladen“ auf einen Speicherplatzanbieter.

Es gab also zwei Speicherorte, den Computer und die Webseite beim Speicherplatzanbieter.

Das hat sich vielfach verändert, weil Unternehmen nun den Menschen neue „Lösungen“ anbieten.

2. Ebene

Die zweite Ebene ist daher die Überlassung meiner persönlichen Texte und Fotos an private Unternehmen. Ich lade nicht mehr hoch sondern speichere nur noch „oben“.

Das hat u.a. die Nachteile, daß ich jederzeit von dem Zugriff ausgeschlossen werden kann, daß der Zugriff beschränkt wird, daß mit meinen Texten und Fotos Dritte etwas machen können, daß diese verkauft werden können und vieles mehr.

Weil dies aber in Zeiten der Bilderkommunikation über Smartphones kaum eine Rolle spielt bei den meisten Menschen, dies finanziell kostenlos ist, wenn man in die Überwachung des Verhaltens einwilligt und sie mit der alten Technik von PC und Webseite nie richtig zurechtgekommen sind, machen immer mehr mit, zumal dies wiederum neue (social nicht soziale) Kommunikation ermöglicht.

3. Ebene

Damit bin ich bei der dritten Ebene, dem Wert der Erinnerungen für das eigene Leben und die neue Erinnerungskultur.

„Menschen, die ihrer Vergangenheit beraubt sind, scheinen die eifrigsten Fotonarren zu sein, zu Hause und in der Fremde. Jeder, der in einer Industriegesellschaft lebt, wird allmählich dazu gezwungen, mit der Vergangenheit zu brechen.“ So schrieb es 1977 Susan Sontag.

Die Mechanismen sind heute noch extremer.

Einige soziale Gebrauchsweisen der Erinnerungskultur im Überblick

Das Handy ist die Erinnerung

Wenn du deine Vergangenheit im Handy gespeichert hast und das Handy ist weg, dann ist deine Vergangenheit weg, es sei denn, ein Anbieter aus der Cloud hat die letzten paar Jahre gesichert und man kann es rekonstruieren.

Sehr real und extrem erleben wir es gerade bei sehr vielen Flüchtlingen, die ihre gesamte Erinnerung im Smartphone haben und deren Fotos meistens über Facebook verwaltet werden.

Bei uns war es oft Tradition bei Volljährigkeit oder mit dem 30. Lebensjahr den Kindern ein Fotoalbum mit den Fotos und eingeklebten Erinnerungstücken zu geben.

Diese Funktion könnte heute ein Fotobuch übernehmen, wenn es denn den Qualitätsansprüchen genügt. Aber es ersetzt keine einzelnen Fotos, die man auch später noch auswählen kann.

Und das, was ich hier einzeln betrachtet habe, gilt zugleich für immer mehr Bereiche des sozialen Lebens und damit von unserer Gesellschaft.

Der Verlust der Vergangenheit führt zum Verlust des weiten Blicks

Was bleibt, wenn es keine Erinnerungskultur mehr gibt, die dauerhaft gespeichert wird?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt es darauf an, welchen Wert Erinnerungskultur hat.

Wenn es egal ist, dann ist es auch egal, ob man fotografiert und/oder schreibt und wenn der Mensch oder die Organisation eben keine Aufzeichnungen hat, dann ist Erinnerungskultur eben die Kultur der Erinnerungslosen oder derjenigen, die nur noch wissen, was sie behalten haben – in jedem Fall aber derjenigen, die nicht systematisch haltbar aufzeichnen.

Wenn Erinnerungskultur aber wichtig ist, um zu wissen, wo man herkommt und zu wissen, wo man hin will, dann spielt dies alles eine andere und sehr große Rolle.

Erinnerungskultur ist letztlich auch die Königsklasse der Selbstdarstellung, so wie Geschichte immer von den Siegern geschrieben wurde.

Erinnerungskultur ist sogar mit entscheidend, um Einfluß auf Entscheidungen zu nehmen.

Und was ich immer noch für wichtig halte: Erinnerungskultur kann auch den Namenlosen ein Gesicht geben und sie als Teil des lebenden Gedächtnisses festhalten und eben auch zeigen.

Genau dann wird die sozial dokumentierende Fotografie wichtig.

Den Zeitgeist dokumentieren bedeutet die Themen der Zeit in den vielen Parallelgesellschaften zu dokumentieren soweit sie öffentlich sichtbar werden, innerhalb oder außerhalb der Community. Zeitgeist hat also immer etwas mit öffentlich zu sehen zu tun, weil es sonst kein Zeitgeist sein kann. Zeitgeist hat als Voraussetzung die Sichtbarkeit, einen unsichtbaren Zeitgeist gibt es nicht.

Daher kommt dem Raum, also den Örtlichkeiten, auch eine besondere Rolle zu. Wenn er nicht für alle ist, dann ist es der Zeitgeist einer Parallelgesesellschaft oder sozialen Community (wenn dieser Begriff stimmt).

Welche Aufgabe hat denn dabei nun die Fotografie?

In einer visuellen Zeit sind Fotos wichtig – aber ohne erläuternde Texte nichts wert. Und es müssen Fotos sein, die über sich selbst hinauskommen. Sie müssen etwas zu sagen haben.

Ich möchte dies an einem aktuellen Beispiel deutlich machen. Der aktuelle Sieger beim World Press Photo Award vermittelt mit einem guten Foto ein falsches Bild.

Das läßt sich an dem Siegerfoto überhaupt nicht auffangen sondern nur mit Texten einigermaßen relativieren. Dokumentierende Fotografie geht eigentlich weiter. Ein gutes Dokumentarfoto zeigt mehr. Für Porträts habe ich das mit Worten einmal aufgeschrieben, für andere Themen gibt es genügend Artikel hier um diesen Artikel herum.

Es ist aber insgesamt ein unerhört defizitäres Thema. Wo man hinschaut kommt die Dokumentation des Geschehens auch in sozialen Organisationen und Unternehmen eigentlich nicht vor. Dabei ist das gar nicht so teuer. Aber man braucht dann Personen wie mich, die das auch können und querschnittmäßig tätig werden und über die Jahre wiederkommen und daraus einen Längsschnitt machen.

Dabei geht es dann in erster Linie um die „richtigen“ dokumentierenden Fotos, um die Energie, die dabei rüberkommen soll und um das vorher schon vorhandene Verständnis zum Thema Erinnerungskultur, visuelle Aufzeichnung, textliches Umfeld, soziales Dokumentieren und die richtigen Momente.

Dann sind Fotos keine Begleitfotos für Texte und es sind keine reinen Unternehmensdarstellungen. Dann sind es Fotos, die erzählen und dazu gesellen sich Texte, die das erzählen, was die Fotos nicht erzählen. Daraus werden dann die echten Geschichten, die sich durch dieses Hin und Her entwickeln.

Es geht dabei auch um eine gute Darstellung und keine schlechte Selbstdarstellung. Aber Menschen, die Probleme gerade lösen, sind im Bild für ein Unternehmen sicherlich viel interessanter als ein Unternehmen, das nur funktionelle und langweilige Fotos zeigt.

Denn es ist eben keine Produktfotografie sondern die Fotografie einer sozialen Veranstaltung, die weit über „gute Arbeit“ hinausgeht und die Wirklichkeit mit einem positiven Blick aufnimmt.

Dann verlieren Fotos auch ihren toten Glanz und verwandeln sich zu Erzählungen von Menschen und Unternehmen heute, die auch noch in vielen Jahren denen nach uns etwas zu sagen haben!

Und das wird in Zeiten von Bilderfluten mit Videos und Fotos immer wichtiger.

Hier endet dieser Streifzug zu diesem Thema.

Diese Gedanken weiterentwickelt habe ich hier.

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  1. Pingback: Erinnerungskultur und Geschichtsbewußtsein im Zeitalter des Visual Man – geschichtsbuch.de

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