Foto: Michael Mahlke

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Wenn einer eine Reise tut – von Reiseberichten und PR-Strategien

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Eine Kette von Assoziationen

Literaturwissenschaftler sind sich einig.

„Eine Gattung Reiseliteratur“ gibt es nicht.

Es gibt aber Reiseberichte.

Marco Polo, John Reed, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch, Joseph Roth – nur einige Namen aus Zeiten, die schon vergessen sind.

Wer von diesen konnte von den Reiseberichten leben?

Eigentlich niemand.

Wie nah ist die Wirklichkeit?

Das ist die Gretchenfrage bei Reiseberichten bzw. Reisereportagen und bei der Frage der Bezahlung.

Ist der Bericht authentisch?

Erzählen mit Authentizitätsanspruch?

Das sind große Worte.

Authentisch ist auch PR, die Abkürzung für Propaganda, neudeutsch Public Relations.

Werden die Dinge so gezeigt wie sie sind?

Wie sind die Dinge?

Ein Reisebericht beschreibt eine reale Reise.

Eine Reisereportage berichtet in Text und Bild über ein Thema.

Was versteht man heute unter einer Reportage?

Die Jury des Egon-Erwin-Kisch Preises hat diesen einem Reporter wieder weggenommen.

Dazu gibt es einen guten Text, der zeigt, was man heute unter einer Reportage versteht.

„Es gilt die alte Faustregel: Wer nichts erlebt hat, kann auch nicht erzählen, es sei denn, er flunkert.“

Das Erlebte erzählen.

Dazu kann alles gehören.

Und wie erzählt man?

Mit Text und Bild.

Früher mit Illustrationen und heute mit Fotos.

Wie schrieb Anna de Berg?

„Der Fotografie fällt dabei insofern eine Sonderrrolle zu, als sie, ergänzt durch genaue Ortsangaben, den Anschein des Dabei-Seins erweckt.“

Und Fotos sind eine schnelle und wirksame Kost für den Kopf und die Sinneseindrücke, wenn sie gut gemacht sind.

Aber für wen gut gemacht?

Für den Kunden – sagt der, der davon leben muß.

Für mich – sagt der, der authentisch auch beim Fotografieren bleiben will.

Die Mischung wird es auch hier machen.

Cartier-Bresson reiste oft an die Brennpunkte des Weltgeschehens.

Seine Reportagen waren nach diesen Wortspielereien hier allesamt fotografische Reisereportagen.

Aber das ist nicht das, was heute Reisereportagen ausmacht.

Da geht es darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen in den Medien und den Medienkanälen von heute.

Für viele interessante Angebote in einer Region oder an einem Ort.

Heute geht es darum eine Region, einen Ort oder ein Hotel zu verkaufen, also Waren und Dienstleistungen vor Ort.

Um die Kunden zu erreichen, muß ich Werbung machen.

Werben heißt verkaufen.

Verkaufen heißt bekannt sein und Aufmerksamkeit erzielen.

Dazu muß ich da sein, wo Menschen suchen – auch wenn sie nicht immer wissen, was oder wie sie suchen.

Die 5 Schritte der Reisepropaganda lauten:

  1. Ich muß in Suchmaschinen gefunden werden.
  2. Ich muß in verschiedenen Zusammenhängen gefunden werden.
  3. Ich muß bei Ereignissen gefunden werden.
  4. Ich muß in positiver Erinnerung bleiben.
  5. Ich muß mich von anderen abheben.

Wenn ich das erreiche, habe ich mir 5 Sterne für meine Aktivitäten redlich vedient.

Und da sind Webseiten und Blogs ein Mittel, um dorthin zu kommen.

Sie sind heute unerläßlich und sie sind wichtig. Aber sie sind weder das einzige noch das alleinige Mittel, um diese Ziele zu erreichen.

Und sie sind in der Regel nicht kommerziell.

So ergeben sich noch viele Fragen.

Denn es ist anders als bei den GEZ-Medien, die dafür bezahlen, um darüber zu berichten.

Diese bezahlen aber keine Blogger oder Webseitenbetreiber, die auf ihren eigenen Seiten berichten. Die GEZ-Medien wollen logischerweise Berichte für ihre eigenen Medien.

Als ich vor Jahren mit Reisejournalismus auf Webseiten Geld verdienen wollte, war die einhellige Antwort überall:

„Das kriegen wir von den öffentlich-rechtlichen Medien umsonst.“

Was soll ich da noch sagen?

Und dort, wo ich eine Chance witterte, kam die zweite Gruppe und machte alles kaputt.

Das waren Rentner oder Beamte, die im Ruhestand oder in der Freizeit kostenlos berichteten.

Als Steigerung gab es noch die ehemaligen Journalisten, die nun als Reisejournalisten tätig waren (was auch immer das ist).

Ihre Pension war ja sicher, meine Rente nicht.

(Spitze Bemerkung am Rande: Die bekamen dafür übrigens auch weiterhin einen Presseausweis, auch wenn sie gar nicht mehr davon lebten sondern anderen stattdessen mit ihrer Kostenloskultur die Aufträge wegnahmen. Diese wiederum erhielten keinen Presseausweis, weil sie ja nicht hauptberuflich davon leben konnten.)

So wurde mir schnell klar, daß man mit Reiseberichten so kein Geld verdienen kann, obwohl gute Blogs und Webseiten ein gutes Instrument sind, um Menschen zu erreichen.

Was nun?

Damit sind wir mitten in der Welt der Berichterstattung über Reisen, Produkte und Dienstleistungen angekommen und haben den Weg vom Reisebericht zur PR erfolgreich absolviert.

Denn ohne zahlungskräftigen Sponsor geht es nicht, wenn man davon leben will.

Deshalb leben fast alle Reisejournalisten auch nicht davon sondern erleben es als Freizeitbeschäftigung.

Und dies hat natürlich Auswirkungen auf die sozialen Gebrauchsweisen der Themen, der Auswahl, der Zielgruppen etc.

So fängt die Wirklichkeit in diesem Feld an.

Darüber zu schreiben würde aus diesem Artikel als Kette von Assoziationen aber eine kilometerlange Gedankenkette machen. Da hören wir doch lieber hier auf und freuen uns über die Erkenntnisse, die wir hier gewonnen haben.

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